Das grandiose Comeback des deutschen Grauburgunders

Der Grauburgunder hat so seine Vergangenheit in Deutschland. Keine Sorge, es ist eine ganz süße. Kollege Daniel weiß mehr zu berichten.

Immer wieder wartet dieselbe Erkenntnis auf uns im Glas: Die Vielfalt von Wein ist jedes Mal aufs Neue überwältigend und scheint ins Unendliche zu tendieren. So viele Überraschungen, ganz neue Aromen und Stile, aber auch bekannte Noten, die sich wiederholen, an der Nase und am Gaumen. Dieses Entdecken und Schmecken macht viel vom großen Spaß am Wein aus. Meist orientieren wir uns an Rebsorten und Anbaugebieten, um etwas mehr Übersicht zu gewinnen, aber auch um unsere ganz persönlichen Vorlieben und Geschmacksmuster aufzudecken. Dabei wird mit der Zeit unser Sensorium immer feiner, unser Schmecken lernt eben dazu. Man muss sich nur darauf einlassen.

Dann rücken Faktoren in den Blick, die zuvor nur wenig Beachtung gefunden haben. Zum Beispiel die Bedeutung des Bodens, auf dem die Rebe wächst. Nicht jede Rebsorte mag jeden Bodentyp, damit fängt es an. Doch auch auf die Mineralität eines Weines und sogar die Ausbildung von Fruchtaromen hat der Boden Einfluss. Auf einmal interessiert man sich für Ausrichtung und Höhe der Lage und nicht zuletzt für den Winzer und seine Art Wein zu machen.

Grauburgunder zum Beispiel: süße Karriere und gelungenes Comeback

Der Grauburgunder ist ein gutes Beispiel, um dieser Vielfalt nachzuschmecken. Kollege Sven Reinbold hat mit seinem Profil der Rebsorte (Keine graue Maus: die Rebsorte Grauburgunder) bereits die Vorarbeit geleistet. Und das seit Jahren wachsende Interesse für Grauburgunder hat schon zu Nachfragen geführt, was denn Grauburgunder mit Pinot Grigio gemein hätte. Doch die internationale Karriere des Grauburgunders ist nicht das, was hier interessiert. Unser Augenmerk gilt ganz speziell dem deutschen Grauburgunderwunder.

Weinberge in der Pfalz

Weinberge in der Pfalz – Entdeckungsort des neuen Grauburgunder

Ein Kuriosum zeichnet den Aufstieg des Grauburgunders aus. Es handelt sich nämlich um ein Comeback – unter neuem Namen und in neuem Stil. Mit Wein lässt sich also tatsächlich die Vergangenheit schmecken. Die passende Grauburgunder-Geschichte dazu ist die von Johann Seger Ruland und seiner „Entdeckung“ in einem vernachlässigten Weingarten. Geschehen vor über 300 Jahren in Speyer in der schönen Pfalz. Dort erwirbt der Kaufmann und Apotheker Ruland einen verwilderten Weingarten. Als er den Wein aus ihm unbekannten Rebstöcken ein Jahr später im Glas hat, ist er geradezu begeistert. Nicht nur als Weinfreund, sondern auch als Kaufmann. Der Wein ist so „süß und lieblich“, dass er nicht nur eine besondere Qualität ins Glas bringt. Johann Seger Ruland wittert darüber hinaus ein Geschäft mit der tollen Rebe.

Ruländer: mit betonter Süße

Was der findige Mann aus Speyer unter seinen Reben „entdeckt“ hat, ist nichts anderes als den Grauburgunder. Doch das Süße und Liebliche der Weine sowie der eifrige Herr Ruland sorgen dafür, dass der Ruländer zum deutschen Synonym für süß ausgebauten Grauburgunder wird. Von den trockenen, frischen Grauburgunder-Weinen heutiger Zeit will man in Riesling-Deutschland bis in die 1990er Jahre hinein nicht viel wissen. Die Episode erklärt weiterhin, warum in der Pfalz der Grauburgunder bis heute sein festes Zuhause hat. Dort finden sich Grauburgunder-Anhänger aus traditioneller Überzeugung.

Die Pfalz - Heimat des Grauburgunder

Die Pfalz – Heimat des Grauburgunder

Allerdings ist der Grauburgunder auch in den Anbaugebieten Baden, Rheinhessen und an der Nahe sehr beliebt. Da geht es dann um andere Geschichten und bei jener aus dem Südwesten sogar mit dem Teufel zu. So sei es ein vom Teufel eingehandelter Zilpzalp gewesen – ein Singvogel für alle Nicht-Ornithologen – der sämtliche Trauben der Ruländer-Reben in der Pfalz aufgefressen habe, um sie direkt auf den neuen Weinbergen abzusetzen. Historie hin, Teufel her, bis heute stehen die Grauburgunder aus diesen Anbaugebieten aufgrund ihrer unterschiedlichen Böden auch für verschiedene Grauburgunder-Weine.

Neuer Grauburgunder statt alter Ruländer

Wer sich in Social Media-Gruppen umsieht, in denen alte Weinkeller aufgelöst und zum Verkauf angeboten werden, trifft auf diese „alten“ Ruländer immer wieder. Doch die simple Gleichung, süßer Wein sei besonders guter Wein, findet spätestens mit den Weinskandalen der 1990er Jahre ein jähes Ende. Es ist ein Ende mit Schrecken, aber auch eines, das neue Chancen in sich trägt. Plötzlich ist vom Grauburgunder und nicht mehr vom Ruländer die Rede. Die Trauben werden nun früher gelesen, um dem Wein mehr Säure und Frische mitzugeben, ohne die Fruchtaromen zu vernachlässigen. Vielen Winzern erscheint dies zunächst widersinnig, ist doch der Grauburgunder eine Rebsorte, die besonders hohe Mostgewichte hervorbringt und im Zusammenspiel mit der Edelfäule Botrytis erst recht für „süße“ Weine vorbestimmt scheint.

Doch der neue Grauburgunder kommt an, ein aktueller Blick auf die Burgundersorten in Deutschland zeigt, dass die Rebflächen seit Jahren beständig wachsen. Trocken ausgebaute Grauburgunder punkten mit Frische und charmanten Fruchtaromen, sie gefallen solo als unkomplizierter Trinkspaß und machen sich gut als Essensbegleiter zu Salaten und leichten Speisen. Und natürlich wissen sich auch die Regionen wieder ihre Vorteile auszuspielen. Was erneut die Winzer auf den Plan ruft.

Hungriger Wolf Grauburgunder Stückfass trocken 2019
Grauburgunder Empfehlung
Meinhard
Hungriger Wolf Grauburgunder Stückfass trocken 2019

Vom Literwein bis VDP klassifiziert

Die Grauburgunder aus Baden gelten als eher voluminös und dennoch vielschichtig. Die Böden und das warme Klima lassen grüßen. Auch in der Pfalz kommen die vielen Sonnenstunden dem Grauburgunder entgegen. An der Nahe geht es dagegen etwas eleganter und kühler zu. Eigentlich schon genug Anregung, um der deutschen Grauburgunder-Vielfalt nachzugehen, oder?

Aber noch etwas muss gesagt sein. Die Rechnung wird nicht ohne den Winzer gemacht. Er entscheidet letztlich, was mit seinem Grauburgunder geschieht. Wird der Ertrag reduziert, um die Aromen stärker hervorzuheben. Landet der Wein im Stahltank, im großen Stückfass oder gar im kleinen Barrique? Welche Qualität sucht der Winzer, welche Genussmomente hat er sich für uns ausgedacht? Schließlich gibt es den Grauburgunder als einfachen Literwein  oder als VDP Gutswein. Auch Bio ist kein Problem und gehört zur neuen Karriere, ganz nach dem Motto Bio or Bust oder etwas bescheidener: Grauburgunder aus einem Guss.

Also Glas raus und Flasche auf. Mit deutschem Grauburgunder geht es auf Entdeckungstour durch die große Weinwelt. Wer will noch mal, wer hat noch nicht: hier gibt es unsere Grauburgunder aus deutschen Weinlanden.

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