Die Appellation Saint-Émilion
Am 2. April 2025 · von Sven ReinboldDas Städtchen Saint-Émilion liegt am Fluss Dordogne im Herzen Südwest-Frankreichs. Neben Pomerol und Pauillac ist Saint-Émilion der wohl bekannteste Name unter den Appellationen des Bordelais.
Die erste Besonderheit vorab: In Saint-Émilion geben – im Unterschied zum Médoc – die Rebsorten Merlot und Cabernet Franc den Takt an. Cabernet Sauvignon wird nur von einigen wenigen Châteaus verwendet, zum Beispiel vom Château Figeac. Gemeinsam mit dem Nachbarn Pomerol bildet Saint-Émilion den Kern des als „Rechtes Ufer“ bekannten Gebiets. Gemeint ist das Ufer der Gironde, so heißt der Zusammenfluss – Ästuar genannt – von Dordogne und Garonne.
Saint-Émilion: die Geschichte
Saint-Émilion liegt etwa 40 Kilometer östlich von Bordeaux und man befindet sich hier im tiefsten Okzitanien. Die alten ockerfarbenen Bruchsteinhäuser mit den zinnoberroten Ziegeldächern sieht man im Médoc oder im Stadtgebiet von Bordeaux eher selten. Dieser pittoreske Anblick ist einer der Gründe dafür, warum Saint-Émilion und seine Weinberge 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden. Wie so oft in Frankreich geht der Weinbau der Appellation auf die Römer zurück. Auch der bekannte gallo-römische Beamte und Dichter Ausonius betätigte sich hier als Winzer. Nach ihm ist eines der besten Weingüter der Appellation benannt: das Château Ausone.
Der Name – und die Gründung der Stadt – gehen übrigens auf einen frühmittelalterlichen Wandermönch namens Aemilianus zurück. Der rastete hier unter einem Felsvorsprung, blieb, tat sein Leben lang gute und wundersame Dinge und verstarb ebendort. Seine Anhänger bestatteten ihn unter dem Kalkstein-Felsen, aus dem im Laufe der Zeit eine Kirche geschlagen wurde. Neben dieser Kirche kann man noch heute die Grotte des heiligen Aemilianus besichtigen.
Saint-Émilion – ein einzigartiges Terroir
Apropos Kalkstein: Saint-Émilion liegt auf dem Rand eines Talkessels, in ungefähr 65 Metern Höhe über der Dordogne. Es gibt hier zwei unterschiedliche, von Kalkstein geprägte Terroirs: Im Norden und Nordwesten der Appellation, wo die Weinberge in das Plateau von Pomerol übergehen, hat der Kalkstein eine Auflage aus Kies, Lehm und Sand. Deswegen wird dieser Bereich „Graves de Saint-Émilion“ (Grabas ist das okzitanische Wort für Kiesel) genannt. Weine von diesen Böden haben den Ruf, kraftvoll und profund zu sein. Im Süden und Südosten, wo es nach und nach immer steiler wird, herrscht Kalkstein vor. Dieses Gebiet trägt die Bezeichnung „Côtes“. Den Weinen von den Côtes wird nachgesagt, leichtfüßiger und einladender als die von den Graves zu sein. Alles in allem muss man feststellen, dass die 5700 Hektar Rebfläche der AOP Saint-Émilion viele unterschiedliche Mikro-Terroirs umfasst, was sich auch in unterschiedlichen Weinstilen spiegelt.
Die Rebsorten von Saint-Émilion
Wie eingangs erwähnt, werden die Weine der Appellation fast ausschließlich aus Merlot und Cabernet Franc erzeugt, der hier auch „Bouchet“ genannt wird. Cabernet Sauvignon ist zwar zugelassen, wird aber hauptsächlich von Weingütern in der Nähe des Plateaus von Pomerol verwendet. Zu diesen Weingütern zählen Cheval Blanc und Figeac.
Merlot ist eine relativ früh reifende Sorte, die weltweit angebaut wird. Sie belegt hinter Cabernet Sauvignon den zweiten Platz im internationalen Flächen-Ranking. Merlot stellt keine besonderen Ansprüche an die Böden, auf denen sie wächst und ist recht widerstandsfähig gegenüber Krankheiten. Das macht sie bei Winzerinnen und Winzern beliebt. Merlot-Weine sind weich, schmeichelnd und mit opulenter Pflaumen- und Kirschfrucht ausgestattet. Die Gerbstoffe sind seidig und die Säurestruktur zeigt sich zurückhaltend. Das wiederum macht Merlot bei Konsumenten beliebt. Cabernet Franc ist ein etwas rauerer Geselle: Die Tannine sind kantiger und das Geschmacksprofil geht mehr in Richtung Kräuter und Pfeffer. Die Hauptaufgabe des Cabernet Franc in der Saint-Émilion-Cuvée ist daher „Kühlung“. In Zeiten des Klimawandels reift Merlot immer früher aus und wird üppiger und alkoholreicher. Cabernet Franc kann das mit seinen Eigenschaften ausgleichen.

Saint-Émilion-Weine werden fast ausschließlich aus Merlot und Cabernet Franc hergestellt.
Saint-Émilion – ein Name, viele Weine
Gibt es den typischen Saint-Émilion? Diese Frage muss man mit einem klaren „Nein“ beantworten. Die eine Weinfreundin hat vielleicht Château Figeac in ihr Herz geschlossen, beim anderen Connaisseur leuchten die Augen, wenn er eine Flasche Château Château Pavie aus dem Keller holt. Beides Weine aus Saint-Émilion, beide sehr unterschiedlich. Zunächst einmal existieren in der Region ungefähr 1000 Winzer! Die Appellation hat darüber hinaus noch vier Satelliten: Montagne-Saint-Émilion, Puisseguin-Saint-Émilion, Lussac-Saint-Émilion und Saint-Georges-Saint-Émilion. Deren Weine sind ebenfalls ausgezeichnet, erreichen in der Regel aber weder das Renommee noch die Qualität der Weine von Saint-Émilion.
Die Klassifizierung der Appellation
Und dann gibt es natürlich die Klassifizierung der Saint-Émilion-Weine. Und hier betritt man geradezu ein Minenfeld. Das Médoc hat es mit der Klassifikation von 1855 vergleichsweise leicht: Es gibt fünf Premier Grand Cru Classé, dann folgen Deuxième bis Cinquième Grand Cru Classé. So schön, so einfach und seit 1855 erst einmal verändert. In Saint-Émilion sieht es etwas anders aus. Es gibt die oberste Kategorie „Premier Grand Cru Classé A“ (Château Figeac und Château Pavie). Dann gibt es „Premier Grand Cru Classé B“, diesen Rang genießen momentan zwölf Weingüter. Jetzt folgt die Kategorie „Grand Cru Classé“, hier tummeln sich ganze 71 Châteaux! Zum Vergleich: Die Bezeichnung „Grand Cru“ wird im Burgund für nur 33 herausragende und historisch bedeutsame Lagen verwendet …
Die Klassifizierung wird alle zehn Jahre auf den Prüfstand gestellt, das letzte Mal 2022. Man sollte also gerade in Saint-Émilion die wirklich guten Winzerinnen, Winzer und Weingüter ausfindig machen (das gilt prinzipiell für alle Weinbaugebiete dieser Welt). Zu diesen gehören die Châteaus Ausone, Pavie, Figeac, Cheval Blanc, Angelus, Canon-La-Gaffelière, sowie eine Vielzahl kleinerer Betriebe, unter anderem die Entdeckung Château Franc Bigaroux. Alle diese Kreszenzen warten übrigens im Online-Shop von Weinfreunde.de auf ein neues Zuhause.
Was sagen Weinkritiker?
Trotz aller berechtigten Kritik an der Klassifizierung, sind sich die Weinkritikerinnen und Weinkritiker einig: Wenn Saint-Émilion gut ist, dann ist es richtig gut. Château Ausone bekommt selten weniger als 100 von 100 Punkten (Wine Advocate/Robert Parker, James Suckling). Château Figeac knackt ebenfalls regelmäßig die 100/100 (Decanter, Wine Spectator, James Suckling). Und auch die Weine vieler nicht klassifizierter Weingüter schneiden überdurchschnittlich gut ab, denn leidenschaftliche Arbeit benötigt keine offizielle „Güteklasse A“.