Wenn weniger mehr ist: alkoholreduzierte Weine

Weniger Wein trinken? Oder mehr alkoholreduzierte Weine? Wenn es um Gesundheit und den maßvollen Konsum von Wein geht, kommen nun neue Alternativen ins Spiel. Weinfreundin Isabell senkt mit seinem Beitrag sicher nicht das Niveau.

Die Diskussion kann sich im privaten Rahmen schnell als rhetorisches Minenfeld entpuppen, sobald man auf die verschiedenen Parteien in derselben Runde trifft. Wieviel Alkohol darf ein Wein enthalten? Wieviel Alkohol muss er gar enthalten? Ist es überhaupt noch Wein, wenn er gar keine Prozente mehr hat oder zumindest deutlich weniger? Denn wir alle wissen doch, zu viel Alkohol ist gesundheitsschädlich.

Ein großer Vorteil eines solchen Magazin-Beitrags ist es, dass einem keiner ins Wort fällt – wie nicht unüblich im Verlauf solcher Debatten. Vielmehr gibt es hier genügend Platz, um die wichtigsten Fakten rund um den Alkohol im Wein kurz auszuführen. Das kann die Diskussion versachlichen und anregen, die eigene Meinung zu überprüfen. Allerdings bereits an dieser Stelle ein Alkohol-Warnhinweis: Die Sachlage genau zu kennen, befreit nicht von der Notwendigkeit der individuellen Entscheidung, wenn es um Weingenuss und Alkoholkonsum geht. Da ist jeder ganz persönlich in der Verantwortung.

Weniger Alkohol, mehr Gesundheit?

Natürlich ist in der Absicht, offen und bewusst mit dem Konsum alkoholhaltiger Getränke umzugehen, nur Gutes zu erkennen. Dieses Motiv feuert aktuell das Thema der alkoholreduzierten und alkoholfreien Weine an. Doch auch unter Spirituosenliebhaber hat man den Trend zu „low alcohol“ längst ausgemacht. Um Jahre voraus ist gar die Bierbranche: kein großer Hersteller, der nicht sein „Alkoholfreies“ und verschiedene Light-Varianten im Angebot führt. So betrachtet steht die Wein-Community erst am Anfang. Dabei sind längst alkoholfreie Weine zu kaufen. Bereits im vergangenen Jahr hat sich meine Kollegin Theresa Weber mit den Weinen (fast) ganz ohne Alkohol im Magazin beschäftigt. Für sie sind diese Weine nicht nur eine Alternative für alle jene, die keinen Alkohol trinken wollen. Auch für jene, die aus gesundheitlichen Gründen darauf verzichten müssen, aber einfach Lust auf Wein haben, sind sie eine Überlegung wert.

Wer sich allerdings auf den Alkoholgehalt als Gesundheitsgefährdung beschränkt, vergisst die verschiedenen Aufgaben, die der Alkohol im Wein und bei unserem Schmecken spielt. Simpel begonnen mit der Haltbarkeit und der Lagerfähigkeit des Weins, die der wesentlich dem Alkohol verdankt. Meist unterschätzt wird dabei, welchen sensorischen Einfluss die Prozente haben – siehe hierzu den Beitrag von Daniel Münster „Zuviel Alkohol im Wein?“. Verallgemeinernd lässt sich sagen: Alkohol gibt dem Wein Fülle und Geschmeidigkeit. Er ist zudem Geschmacksträger für Aromen und der wohltuende Konterpart zu den Gerbstoffen.

Alkoholreduzierte Weine: ein gesunder Kompromiss?

Sind alkoholreduzierte Weine damit ein Kompromiss aus gut gemeinter Gesundheitsfürsorge und deutlichen Abstrichen am Geschmack? Schärfer formuliert: Bedeutet weniger Alkohol automatisch geringere Aromendichte und -vielfalt im Wein? Noch einmal hilft der Schwenk zu den Weinen ganz ohne Umdrehungen. Für deren Herstellung kommen aufwändige Verfahren zum Einsatz, um dem Getränk, den Alkohol zu entziehen. Diesen Prozess hat man mittlerweile gut im Griff, jedoch werden dabei auch die Aromen des Weins in Mitleidenschaft gezogen. Die geschmacklich entscheidende Frage lautet folglich: Werden die Weinaromen mit dem Alkohol gleich mitentsorgt, kann man sie bewahren oder gar aus dem abgetrennten Alkohol zurückführen?

Freundinnen trinken Wein

Auch alkoholreduzierter Wein kann ein Genuss sein

Jüngst hat ein deutsches Wein- und Sekthaus drei Weine vorgestellt, die lediglich 3,9% Alkohol aufweisen. Das ist weniger als handelsübliches Bier, aber ganz weit weg von einem leichten, „normalen“ Wein mit 11% Alkoholvolumen. Die Wahrheit ist, auch solchermaßen gebändigt Alkoholgehalte sind nicht ohne zusätzlich technisches Verfahren möglich. Für die Gesundheitsgeleiteten versprechen diese neuen alkoholreduzierten Weine den Vorteil des „weniger ist mehr“. Wie die Gemeinde der hartgesottenen Weintrinker darauf reagiert, wird sich noch zeigen müssen. Doch anscheinend tut sich da eine neue Kategorie auf, in der geringe Alkoholgehalte eben zum schlagenden Argument werden. International benennt man 0,5% bis maximal 5% als Promille-Spanne für alkoholreduzierte Weine.

Ein Glas weniger bei mehr Prozenten: mit Maßen genießen

Sehr pragmatisch erschien der Hinweis einer Freundin, sie trinke eben ein Glas weniger, sobald die Wahl der Stunde auf Rotweine aus der Rioja, von der südlichen Rhône oder auf einen Barolo aus dem Piemont falle. Diese Hochkaräter seien eben nicht für magere 11% zu haben, da gehöre der höhere Alkoholgehalt häufig einfach dazu!

Tatsächlich hat diese Rechnung etwas für sich. Wer eine halbe Flasche 12,5-prozentigen Wein trinkt, also 0,375 Liter, nimmt 37,5 Gramm Alkohol zu sich. Trinkt man dieselbe Menge eines 14%igen Weines sind es lediglich 4,5 Gramm mehr. Daran kann die Gesundheit nicht scheitern, oder? Noch viel weniger, wenn man das dritte Glas weglässt! Im Umkehrschluss wird aber deutlich, welch ein Alkohol-Leichtgewicht dann tatsächlich ein Weingetränk mit nur 3,9% abgibt.

Alkohol im Wein: manchmal muss es sein

Der Blick auf die Winzer bringt eine weitere Erkenntnis. Was können sie tun, um leichtere Weine herzustellen? Nicht richtig viel, lautet die ehrliche Antwort. Standardmäßig wird immer eine frühere Lese ins Feld geführt. Die Trauben sollen nicht soviel Zucker entwickeln, denn der wird später ja in Alkohol umgewandelt. Doch diese Methode hat ihre natürlichen Grenzen. Zu früh geerntete Trauben, deren Kerne nicht voll ausgereift sind, will kein Winzer haben. Wenn es nun aber für diese Reife Zeit braucht und in dieser Frist die Beeren mehr Zucker produzieren, was soll der Winzer tun? Da findet jede gewünschte Weinstilistik ihr ehrliches, handwerkliches Ende. Dafür braucht es dann schon anderer Technik – wie eben bei den alkoholreduzierten und alkoholfreien Weinen.  Deshalb sind diese Weingetränke die bessere Wahl, wenn möglichst geringer Alkoholkonsum die Maxime bildet. Geht es um den Geschmack des Kulturgetränks Wein, können sie nur das Nachsehen haben. Basta!

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