Wein optisch beurteilen: Das Auge trinkt mit

Am 23. Juli 2024 · von Jürgen Overheid

Die Wahrnehmung von Wein setzt auf Auge, Nase und Gaumen. So heißen die drei Kategorien, denen eine Weinbeschreibung allgemein hin folgt. Der optische Eindruck, das Auge, steht für den Erstkontakt mit dem Wein und gibt bereits erste Hinweise auf Alter, Rebsorte und Weinstilistik.

Noch bevor der Duft des Weins in die Nase steigt und der erste Schluck im Mund seinen Geschmack entfaltet, hat der optische Eindruck bereits etwas zu sagen. Nein, gemeint ist damit nicht, ob es sich um einen Weißwein oder Rotwein, einen Rosé oder Orange Wine handelt. Bei dem, was professionelle Verkoster das Auge nennen, geht es um drei Kriterien, die den Wein beschreiben, ohne ihn im eigentlichen Sinne probiert zu haben.

Klarheit: auf den ersten Blick

Als Erstes unterscheidet das Verkosten, ob sich ein klarer oder trüber Wein im Glas befindet. Enthält der Wein viele Schwebeteilchen, erscheint er trüb. Allerdings sind die meisten Weine heutzutage als klar zu beschreiben. Durch Klärung und Schönung sowie durch eine gezielte Filtration vor der Abfüllung entziehen Winzerinnen und Winzer dem Wein jene Partikel, die zuvor auf natürliche Weise darin gelandet sind. Entweder kommen sie bereits im Most vor oder sind ein Nebenprodukt der alkoholischen Gärung – zum Beispiel abgestorbene Hefepartikel. Zwar gibt es auch Weine, die gewollt einen trüberen Ton aufweisen, allerdings ist eine Trübung oftmals auch ein Hinweis auf einen Fehler bei der Weinerzeugung.

Farbtiefe: vom Rand in die Mitte

Unabhängig davon, welche genaue Farbe der Wein zeigt, ist die Tiefe des Farbtons ein weiteres Kriterium der Weinbeschreibung. Die Fachbegriffe dafür lauten blass und tief, mitunter taucht noch die Kennzeichnung mittel auf. Um zum Klären der Farbtiefe, den richtigen Blickwinkel zu gewinnen, neigt man das Glas um etwa 45 Grad. Dabei ist immer zu bedenken, dass der Wein an der tiefsten Stelle anders erscheint als direkt am Glasrand. Daher zuerst an den Glasrand schauen und anschließend mit dem Blick in die Mitte des Glases wandern, dort wo der Stiel in den Kelch übergeht. Erscheint ein Weißwein am Glasrand deutlich transparent, wässrig, handelt es sich um einen blassen Weißwein. Zudem erkennt man bei einem tiefen Rotwein nicht den Übergang des Stiels in den Kelch. Er verschwindet fast vor lauter Farbdichte. Bei tiefen Weißweinen reicht die Färbung ganz nah an den Glasrand heran.

Weingläser mit unterschiedlich-farbigen Inhalt aufgereihtauf Tisch

Beim Rotwein lautet die Regel: Zeigt sich der Wein am Glasrand sichtlich weniger gefärbt als in der Mitte, gilt er als blasser Rotwein.

Farbton: von Rebsorte bis Alter

Je nach Verkostungs-Schule gibt es verschiedene Bezeichnung für die Farbpalette bei Weißwein, Rotwein und Rosé. Diese Beschreibung orientiert sich an den Begrifflichkeiten des Wine & Spirit Education Trust (WSET) – ohne anderen Bezeichnungen ihre Berechtigung abzusprechen. Im Prinzip handelt es sich um eine Kombination von gelben, grünen und braunen Farbanteilen beim Weißwein sowie roten, blauen und braunen Farbwahrnehmungen beim Rotwein. Darüber hat sich mittlerweile eine eigene Farbskala für Roséweine etabliert.

Weißwein: Farbe bekennen

Die Farbpalette für Weißweine umfasst die Bezeichnungen grüngelb, zitronengelb, goldgelb, bernsteingelb und braun. Statistisch betrachtet fallen die meisten Weißweine in die Kategorie zitronengelb, sie ist gewissermaßen der Normalfall. Tendiert der Wein mehr ins grünliche, wählt man die Bezeichnung grüngelb und streuen sich orangefarbene Töne ein, erscheint in der Verkostungsnotiz ein goldgelb. Gesellt sich eher braun dazu, wählt man den Begriff bernsteingelb oder tatsächlich braun. Die Brauntöne sind klare Anzeichen für einen gereiften Wein oder auch stärker oxidierten Wein.

Weißweingläser auf Tisch

Brauntöne heißen nichts Schlechtes, ist aber deutlich zu schmecken.

Rotwein: Farbe bekennen

Gleichfalls fünf Farbkategorien dienen zur Beschreibung von Rotweinen: purpurrot, rubinrot, granatrot, braunrot und braun. Wie beim Weißwein verrät der Farbton etwas über das Alter des Rotweins, aber er gibt auch Hinweise, auf die Rebsorte(n). Um es zu vereinfachen, auch beim Rotwein gibt es eine Art Standardfarbe, nämlich rubinrot. Die Assoziation mit dem Edelstein hilft bei der Zuordnung tatsächlich weiter. Finden sich mehr Farbeindrücke von Violett oder Blau im Wein, greift die Bezeichnung Purpurrot. Bei Granatrot hilft erneut die Edelstein-Eselsbrücke. In diesen Farbton mischt sich erstmals braun ein, allerdings nur leicht. Gewinnen die Brauntöne die Überhand, spricht man von Braunrot oder – noch intensiver – von Braun.

Rosé: Farbe bekennen

Theoretisch könnte man einen Roséwein auch als blassen Rotwein auffassen und auf die einschlägigen Farbtöne zurückgreifen. Doch mit der wachsenden Beliebtheit des Rosé hat sich auch eine eigene Begrifflichkeit für seine Farben durchgesetzt. Unterschieden werden beim Rosé Hellrosa, Lachs und Orange. Dabei ergibt sich der Farbton weniger aus der verwendeten Rebsorte. Vielmehr ist die Art der Erzeugung der entscheidende Faktor. „Blutet“ der Most aus den Trauben aus, ohne richtig gepresst zu werden, wie beim Saignée-Verfahren, zeigt der Wein hellrosa. Ansonsten entscheidet die Dauer der Mazeration auf den Schalen über den Farbton. Je länger der Most Kontakt mit den Schalen hat, desto mehr Farbstoffe (siehe auch Polyphenole) gelangen in den Rosé.

Wir können auch anders: alternative Farbbezeichnungen

In Verkostungsnotizen von Weißweinen finden sich aber auch Bezeichnungen wie Strohgelb und platin, kupfer- und honigfarben. Wer sich nicht streng an einer bestimmten Schule orientieren will, findet also kreative Alternativen. Bei Rotweinen erscheinen dann Begriffe wie kirschrot oder ziegelrot, Mahagoni oder kastanienbraun. In Frankreich zieht man für die Farbbeschreibung von Rosé auch gern Früchte als Beispiel heran und hantiert dann mit Worten wie Pfirsich, Melone, Litschi, Mango, Pampelmuse, Himbeere, Aprikose, Mandarine und Johannisbeere.

Auf den zweiten Blick: Viskosität und Depot

Selbst der Blick in die Weinflasche verrät einiges. Zum Beispiel, ob sich noch Depot in der Flasche befindet, das beim Eingießen ohne vorhergehendes Dekantieren bis ins Glas gelangen kann. Dabei handelt es sich um Reste der Vinifizierung, die auf einen ungeschönten oder nicht filtrierten Wein hinweisen. Ein anderes, optisches Merkmal sind die sogenannten Kirchenfenster oder Tränen, die sich nach dem Schwenken des Weins an der Glaswand zeigen. Je größer diese Fenster ausfallen, desto mehr an Zucker, Extrakt und/oder Alkohol weist der Wein auf. Die Kirchenfenster sind daher per se kein Qualitätsindikator, wie oft zu hören ist.

Auge: Sehen will gelernt sein

Alle Theorie ist grau, echte Farben gibt es nur im Weinglas. Deshalb einfach mal folgendes Schaubild ausdrucken und beim nächsten Wein danebenlegen.

Auge: optischer Eindruck von Wein

Infografik Weinfarben

Die Weinfarben variieren von einem gelbgrünlichen bis hin zu einem bräunlichen Ton.

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