Über die Lagen der Wein-Nation

Die kleinste Herkunft hat die größte Aussagekraft. Warum ohne die Lage nichts geht in der Weinwelt, weiß Sven Reinbold. Sie stellt uns die vielen Stellschrauben einer exzellenten Lage und das damit verbundene Qualitätsversprechen vor.

Mit der Änderung des Weingesetzes vom Januar 2021 tritt die Herkunft des Weines stärker in den Vordergrund. Dabei wird die Herkunft als Qualitätsnachweis verstanden, genauso wie es lange schon in Frankreich, Spanien oder Italien gang und gäbe ist. Doch was heißt Herkunft und wie genau können wir die geografische Abstammung eines Weines überhaupt fassen? Schon geraten wir in die Lage, etwas länger über die Lage nachdenken zu müssen.

Lage, Lage, Lage

Es ist ein wenig wie bei den Immobilien, die Lage ist eine Art Grundeinheit für Qualität. Und das im wahrsten Sinne des Wortes im Weinbau. Denn die Beschaffenheit des Bodens, auf dem der Wein wächst, lässt sich im Wein nachschmecken. Nicht umsonst heben Beschreibungen von Weinlagen immer wieder auf die geologischen Eigenarten ab. So wichtig sind sie, dass nicht wenige Weinbaugebiete ihre besonderen Böden zur Kernidentität zählen. Denken wir nur an die Champagne mit ihren Kalk- und Kreidegestein oder an die Mosel mit den vielen Schieferböden.

Wenn es um die ganze Wahrheit der Böden geht, ist noch ein zusätzlicher Blick auf die Rebsorten fällig. Denn es ist immer die Kombination aus Boden und Rebsorte, die zu größter Exzellenz führt. Umso mehr gilt, dass die einschlägig bekannten Lagen immer auch ausgesuchte Rebsorten im Schlepptau führen. Mosel, Schiefer und Riesling – das passt. Aber soviel nur am Rande.

Weinlage: die Formel

Halten wir fest, der Boden bildet die Grundlage. Doch längst haben wir damit noch nicht alle Faktoren erfasst, die auf die Bedeutung der Lage einzahlen. Da gäbe es noch die Ausrichtung der Lage. Gemeint ist damit die Ausrichtung der Rebflächen zum Verlauf der Sonne, sprich: Es geht um die Himmelsrichtung, in die der Weinberg oder die Weinlage schaut. Da scheint es naheliegend, den Ausrichtungen nach Süden den Vorzug zu geben, um möglichst viel Sonne abzubekommen. Doch es lässt sich auch anderes berichten, zum Beispiel aus jenen Regionen, die stärker vom Klimawandel betroffen sind. Dort bringt eine Südwestausrichtung gerade Vorteile, weil sie nicht so ausdauernd und erst später am Tag von der Sonne bedient wird.

Schon sind wir beim nächsten Lagen-Faktor, der Höhe der Lage. Doch Vorsicht, die gern zitierte Höhenlage ist kein Begriff, der in den Qualitätsanforderungen der Appellationen definiert ist. Kaum verwunderlich, wenn man an die unterschiedlichen Voraussetzungen denkt. In der Weinregion Bordeaux erscheinen 200 Meter über Meereshöhe wie ein kleiner Berg. Im spanischen Calatayud klettern die Rebflächen hingegen bis zu 1.000 Metern nach oben. Generell beobachten wir, dass in den Anbaugebieten, wo dies möglich, die Rebflächen immer höher hinausgehen.

Steillage: Weinlage mit Gefälle

Die Höhenlage ist kein Begriff, der offiziell definiert ist. Die Steillage schon, zumindest in Deutschland. Aber jetzt wird es ein wenig mathematisch, denn bei der Steillage kommt es tatsächliche auf Prozente und Grade an. Erst ab einer Hangneigung von 30 Prozent spricht man offiziell von einer Steillage. Um wirklich zu verstehen, wie steil dies ist, müssen wir mal umrechnen. Die 100 Prozent Hangneigung entsprechen nämlich 45 Grad Gefälle, demnach ergibt die Mindestanforderung von 30 Prozent Hangneigung ein Gefälle von 13,5 Grad. Wer nicht nur Wein trinkt, sondern auch gern Rad fährt, mag nun leichter nachvollziehen, wie steil Steillagen wirklich sind.

Steillage an der Mosel

Steillagen an der Mosel

Die steilste Lage in ganz Europa liegt übrigens an der Mosel. Der Bremmer Calmont weist unglaubliche 68 Grad Gefälle auf, da wird jede Arbeit an den Reben und dem Boden zur anspruchsvollen Kletterpartie. Auch was die Menge der Steillagen angeht, hat die Mosel die Nase unter den deutschen Anbaugebieten vorn. Rund ein Viertel aller Steillagen des Weinlands Deutschland finden sich an der Mosel.

Alles Lage: Terrassen und Terroir

Noch eine Besonderheit ist zu erwähnen, wenn wir die Lagenbegriffe zum Thema Wein abklappern: die Terrassenlage. Gemeint sind damit terrassierte Weinberge, in denen mit aufwendig gesetzten Trockenmauern oder einfach in den Hang getriebene Terrassen möglichst viel Fläche aus der Hangneigung geholt wird. Viel einfacher zu bearbeiten als beispielsweise eine Steillage, aber das Bauen und Instandhalten der Trockenmauern ist mit hohen Kosten verbunden. Abgesehen davon, dass es immer schwieriger wird, Handwerker zu finden, die diese kleine Kunst überhaupt noch beherrschen.

Die Terrassenlage ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie der Mensch auf die Lage einwirkt, sie mit gestaltet. Ein weiteres Beispiel sind die Mauern, die im Burgund einen „Clos“ umgeben. Denn zu leicht wird vergessen, dass zum Terroir nicht nur die natürlichen Gegebenheiten zählen, sondern auch der Einfluss des Menschen. So verändern die terrassierten Rebflächen und die schützenden Mauern das Mikroklima der Lage – ganz bewusst und in guter Absicht.

Terrassenlagen am Kaiserstuhl

Terrassierte Lagen am Kaiserstuhl

Klima und Landschaft: relevant für gute Lagen

Noch einmal zurück zu den natürlichen Gegebenheiten, die einer guten Lage hold sein müssen. Wieviel Sonnenstunden gibt es, wieviel Niederschlag fällt? Wie anfällig ist die Lage für Nachtfröste oder welchen Winden ist sie ausgesetzt. All das zählt zur komplexen Mechanik einer herausragenden Lage. Deshalb ist die Umgebung der Lage so wichtig. Flüsse und Seen moderieren etwa die Temperaturen, ist ein Meer in der Nähe hat dies gleichfalls Einfluss auf Temperatur, Wind und Niederschläge. Ein Wald und erst recht ein Höhenzug schützen vor empfindlichen Winden. Es gibt aber auch Fälle, in denen es ein Segen ist, mehr Wind ausgesetzt zu sein, weil er kühlt, trocknet und belüftet. Wir müssen nur an das Tal der Rhône und den berühmten Mistral denken.

Abstrakt ausgedrückt: Eine Weinlage ist durch viele Faktoren geprägt, die bei einer großen, einzigartigen Lage in optimaler Wechselwirkung stehen. Da passt dann alles zusammen. Dieses Match, diese Güte der Lage gilt natürlich für ewig. Was soll sich schon an der Geologie und der Ausrichtung ändern? Doch der Klimawandel ist mittlerweile auch in vielen Lagen nachweisbar. Im Gegensatz zu früher reifen auf einmal die Trauben auch in den höheren Lagen perfekt aus. Oder höhere Temperaturen und weniger Niederschläge lassen den Pilzdruck in Lagen sinken, die früher leicht von Krankheiten befallen wurden.

Einzellage: von ganz groß zu klein

Viel haben wir schon über den Begriff und die Bedeutung der Lage nachgedacht und doch den großen Maßstab außer Acht gelassen. Nähert man sich dem Weinland Deutschland aus der Satellitenperspektive, lassen sich als Erstes die 13 Anbaugebiete unterscheiden. Die nächste Maßeinheit sind die Bereiche der Anbaugebiete. Dann folgen die ominösen Großlagen und als kleinste Einheit die Einzellage.

Laut dem Deutschem Weininstitut (DWI) zählen wir in Deutschland fast 170 Großlagen und mehr als 2650 Einzellagen. Doch sicherlich wird in diese Nomenklatura noch einmal mit dem neuen, die Herkunft betonenden Weingesetz Bewegung kommen. Denn die sogenannten Großlagen sind eigentlich Konstrukte jüngerer Zeit und haben mit der geradezu historischen Dimension vieler Einzellagen gar nichts zu tun. Über 1000 Jahre reicht die Geschichte mancher Lagen zurück. So findet der Niersteiner Glöck bereits in einer Schenkungsurkunde von 742 Erwähnung. Die Lagen des Schlosses Johannisberg am Elsterbach nennen Dokumente aus dem 9. Jahrhundert. Die Liste ließe sich fortsetzen, macht aber deutlich, dass man schon immer auf die besondere Lage des Weinbergs geachtet hat.

Die großen Lagen: Premier Cru und Große Lage

Ein deutschsprachiger Text über den Begriff der Lage im Weinbau kommt ohne den Verweis auf den VDP, den Verband Deutscher Prädikatsweingüter, nicht aus. Der VDP ist der Gralshüter der Lage, der die Lage als unbestechlichen Qualitätsnachweis sieht. Mit seiner Unterteilung in Gutswein, Ortswein, Erste Lage und Große Lage macht er die kleinste Einheit zum alles entscheidenden Merkmal. Ohne falsche Bescheidenheit orientiert sich der VDP damit an den Vorbildern im Bordeaux und vor allem im Burgund. Mehr über die Qualitätspyramide des VDP und die genaue Definition von Erster und Großer Lage verrät die Folge „Club der besten Weingüter“ unseres Weinpodcast „Bei Anruf Wein“.

Kiedricher Gräferberg

Luftaufnahme der Rheingauer Weinlage Kiedricher Gräfenberg – Heimat Großer Gewächse.

Lage für Besserwisser

Die wichtigsten Begriffe rund um die Weinlage haben wir sicherlich abgearbeitet. Aber vielleicht findet sich noch eine Lage, deren Beschreibung aussteht. Bitte melden, falls ihr die Liste ergänzen wollt. Ansonsten noch einmal alles in alphabetischer Ordentlichkeit.

  • Einzellage: im deutschen Weinrecht beschrieben, kleinste Einheit zur Beschreibung der Herkunft
  • Erste Lage: zweitbeste Qualitätsstufe des VDP, trocken ausgebaute Weine aus diesen Lagen heißen Erstes Gewächs
  • Großlage: im deutschen Weinrecht beschrieben und aus Zusammenlegung von Einzellagen und angrenzenden Lagen entstanden
  • Große Lage: beste Qualitätsstufe des VDP, trocken ausgebaute Weine aus diesen Lagen heißen Großes Gewächs
  • Historische Lage: kein offiziell geregelter Begriff, ergibt sich aus dem Alter der genau beschriebenen Lage
  • Höhenlage: kein offiziell geregelter Begriff und nur für bestimmte Anbaugebiete zutreffend, daher können die genannten Höhenmeter stark schwanken
  • Terrassenlage: kein offiziell geregelter Begriff, aber dennoch ein wichtiger Hinweis auf den menschlichen Einfluss
  • Steillage: beginnt ab 30 Prozent Hangneigung, das sind 13,5 Grad Gefälle.
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